18
Jun
16

Da war die Türe zu

Unser Pfarrhaus ist von 1869. Ich weiß nicht, die wievielte Pfarrfamilie nun darin wohnt; Pfarrhaus war es seit seiner Errichtung.
Und es ist mit der Zeit gegangen. Als es gebaut wurde, war der Brunnen vor dem Küchenfenster und die – in behauenem Sandstein gebaute – Abtrittshütte auf der anderen Seite des Gartens. Sechs Räume hatten offene Kamine zur Heizung.
Davon sind heute noch zwei vermauerte, ein verklebter und ein offener übrig. Im verklebten wohnt mein Bienenvolk. Und natürlich wurde schon vor über einem halben Jahrhundert Wasser ins Haus gelegt, ein Klo unter der Treppe eingebaut und sogar ein – heute dort nicht mehr existierendes – Bad eingerichtet. Mittlerweile wurde aus einem Zimmer zwei Badezimmer; das entspannt den Morgen doch erheblich. Wenn ich denke, dass der Vorgänger in den 80ern mit vier Töchtern nur eine Wanne und ein WC zur Verfügung hatte…

Manchmal merkt man dem Haus sein Alter an. Wenn die Dielen knarren und knacken.
Und neulich, als in der Tür vom Obergeschoss zum Treppenhaus das Schloss kaputtging.
Wir waren alle oben. Die Tür war zu. Und die Türklinke rotierte lustig, ohne den Schnapper zu bewegen.

Jo. Was nu.
Die direkten Nachbarhäuser stehen leer, aber die letzten Bewohner hätten auch nicht helfen können.
Der Bäcker hatte Ruhetag. Beim Schreiner gegenüber ging keiner ans Telefon.

Schließlich habe ich Jean-Pierre angerufen. Der war natürlich im Garten. Und seine Frau hat sich erst mal kaputtgelacht. Dann hat sie gesagt, ich schick ihn vorbei.
Zehn Minuten waren noch nicht vergangen, da war er da. Und hat das Schloss mit Hammer und großem Schraubenzieher überredet, die Tür freizugeben. Zum Glück war die Haustür nicht abgeschlossen, sonst hätte er nicht reingekonnt…
Jean-Pierre hat das Schloss dann mitgenommen und bei seinem Neffen (der hat eine Autowerkstatt) das gebrochene Teil geschweißt. Nun geht alles viel besser als vorher.

Aber von Dank will Jean-Pierre nichts wissen. Hätte jeder andere auch gemacht, meint er.
Ich überlege, ob ich in den Rechenschaftsbericht der Diakonie eintragen lasse: einen Pastor mit seiner Familie aus dem Hausarrest befreit.

24
Mai
16

Nicht verstehen, lieben!

Jes. 6, 1-13
Joh. 3, 1-8
Röm. 11, 33-36
Offenbar gegen Ende seiner Karriere schreibt der Apostel Paulus einen langen Brief an die christliche Gemeinde in Rom. Er kennt sie nicht, von einigen abgesehen, die vor der Verfolgung im griechischen Raum geflohen sind.
Und in diesem Brief gibt er nicht nur einen konzentrierten Überblick seiner Lehre, sondern befaßt sich sehr ausgiebig mit der Frage der Kinder Abrahams, des jüdischen Volks, Bündnispartner des ersten Bundes. Er erläutert, damit das Evangelium bis an die Grenzen der Erde verbreitet werden kann, sei es nötig gewesen, daß die Juden es zunächst verwerfen – aber sie sind ja bereits durch den Bund Abrahams und Moses gerettet. Und wie groß wird die Freude sein, wenn auch sie in Jesus den Messias erkennen! Ohnehin tun sie jetzt nichts anderes als die jetzigen Christen vor ihrer Bekehrung: Gott nicht gehorchen. So sind sie alle von Gott in den Ungehorsam geworfen, damit er an allen seine Gnade erweisen kann.
Aber eigentlich muß Paulus zugeben, daß er hier am Ende seiner Weisheit angekommen ist. Er kann den Gedanken Gottes nicht folgen, um so weniger sie erklären.
Und so beschließt er seine Ausführungen mit dem Lobgesang auf die Unergründlichkeit Gottes. Ja, für uns ist es widersinnig, daß Gott mit allen Mitteln Verbindung zu uns sucht. Es ist abwegig, daß er sich voll investiert, um unsere Irrtümer und Fehler auszulöschen, unsere Schuldgefühle und unsere Scham. Er gibt alles für uns, so sehr liebt er uns.
Und daß Gott ganz verrückte Wege geht, um den Kontakt mit uns wieder herzustellen, das ist völlig widersinnig. Genau so widersinnig wie die Idee, ein zweites Mal aus dem Leib seiner Mutter zu kommen. So unvorstellbar wie Jesajas Vision vom Thron Gottes: das übersteigt alles Menschliche.
Wer käme auf die Idee, ein Tier aus einem Brunnen zu retten, indem er eine ganze Herde hinterher wirft? Wer würde für andere seinen Sohn als Geisel und Lösegeld geben?
Unverständlich. Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer wollte von Gott Rechenschaft verlangen? Zu Hiob sagt Gott: du hast Angst vor dem Flusspferd, aber mit mir willst du dich anlegen?
Gibt es nicht Momente in unserem Leben, wo wir nicht mehr durchblicken? Warum diese Krankheit? Warum verliere ich den Job, wo es gerade besser zu werden schien? Warum… Und es gibt Momente, wo die Kirche unverständlich wird. Seit Monaten sprechen mich die Leute an, weil sie ihre Kirche nicht mehr verstehen. Und das nimmt gerade wieder zu. Und ich bekenne: ich bin hin- und hergerissen, es zerreißt mich schier. Auch nach einem Jahr verstehe ich nicht, wie der Synodalbericht, der den Weg zur Segnung von Paaren zweier Männer oder zwei Frauen geöffnet hat, wie derselbe Synodalbericht sich mokieren kann über die Forderung, endlich der Diskriminierung homosexuell empfindender Menschen in der Kirche ein Ende zu setzen, sie nicht mehr auszuschließen aus Kindergottesdienstarbeit und anderer Verantwortung. Als wäre ein einziger Paarsegnungsgottesdienst wichtiger als die Integration ins Leben der Gemeinde von Menschen, die anders leben.
Und ich beklage den Riß in unserer Kirche, in der Evangelisch-unierten Kirche Frankreichs und weit darüber hinaus. Der evangelische Kirchentag in Lyon 2017 findet nicht statt, weil die Evangelischen nicht mehr miteinander können. Einige Pastoren führen ihren Krieg gegen Andersdenkende – und solche Krieger gibt es hüben wie drüben. Wohin sind wir gekommen? Kann man denn seine Meinung nicht vertreten, ohne den anderen zu zertreten? Wir können doch nur Zeugen sein. Also bezeuge ich. Und Frage, hinterfrage – Meinungen, nicht Menschen!
Dahinein klingt der Abschnitt von Paulus. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zum jüdischen Volk, seinem Volk, und seiner Überzeugung, daß nur die Gnade zum Heil führt. Wie kommt es, daß ausgerechnet das jüdische Volk, Gottes Augapfel, diese Gnade ablehnt? Wie kann es sein, daß man sich in der Kirche derart die Köpfe einrennt, wo doch im Grunde alle dasselbe wollen: an dem Projekt Gottes mitarbeiten, „daß alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ und an Jesus Christus glauben?
Paulus‘ Antwort erinnert mich an die Zoo-Sendungen, die meine Töchter gern sehen: wenn neue Tiere in den Zoo kommen, werden die anderen eingesperrt, und die Neuen können sich einfinden. Dann kommen die anderen wieder dazu, und alle können sich zusammenfinden.
Aber Paulus scheint gleichzeitig zu sagen: ich weiß nicht, wie es anders sein kann – aber im Grunde bin ich ratlos. Und zitiert die Schrift. Das, das ist auch seine Erfahrung. Er selbst musste erst die Christen erbittert verfolgen, bevor er ihr Missionar werden konnte. Er mußte blind werden, um den Durchblick zu bekommen.
Und mein kleinerGlaube baut darauf: so oft ich Gott mein Nichtverstehen entgegengeschrien habe, so oft habe ich nachher erkannt, daß das, was mir geschehen war, zum Guten war. Daß Gottes Wege und Ratschlüsse weit über mich gehen, wie meine Töchter nicht immer verstehen, warum ihnen dies verboten und jenes aufgenötigt wird.
So will ich auch glauben, daß die derzeitige Spaltung in unserer Kirche, wo zwangsläufig einer Recht und einer Unrecht hat – nur wer? – zum Plan Gottes gehört und notwendig ist. Wenn ich also auf dem Holzweg bin, gehört das zu Gottes Plan – und ich beuge mich. Und hoffe, rechtzeitig die Wahrheit zu erkennen. Und wenn ich Recht habe, bete ich darum, Recht zu haben, als hätte ich nicht Recht. Mich nicht über die Brüder und Schwestern zu erheben.
Kann man nun Gott noch loben, wenn man ihn nicht versteht? Paulus‘ Antwort ist schwer verdaulich: „weil ich ihn nicht verstehe, lobe ich ihn um so mehr, denn das zeigt mir, um wie viel er größer ist als ich.“ aber es ist wahr! Und ich möchte hinzufügen: ein Mann fragte seinen Rabbiner: Rabbi, ich kann meine Frau nicht verstehen. Was soll ich tun? Der Rabbi antwortete: du sollst sie nicht verstehen – du sollst sie lieben!
Vertrauen wir also Gott und seiner Liebe. Die Liebe braucht nicht zu verstehen oder verstanden zu sein. Sie hat keine Vernunft und keine Gründe. Neulich hörte ich: Wahre Liebe ist nicht „weil“ sondern „obwohl“.
Also, so trostlos wir uns fühlen mögen, laßt uns Gott loben! Laßt uns seine Liebe besingen: du bist mein Papa, den ich über alles liebe. Und was du tust, ist gut für mich.
Amen.

24
Mai
16

Zwischenruf

Wisst ihr, die ihr in Deutschland lebt, eigentlich, wie dankbar ihr den Vätern des Grundgesetzes sein sollte für das Verbot politischer Streiks?

Die CGT – das ist die kommunistische Gewerkschaft – ist mit dem neuen Arbeitsgesetz nicht zufrieden (was ihr gutes Recht ist – diese Regierung ist eine mittlere Katastrophe) und blockiert nun durch Streiks in den Raffinerien und Ölhäfen das Land. Ich nenne das Geiselnahme und Erpressung.

Heute morgen hat die Polizei die Raffinerie Fos-sur-mer bei Marseille geräumt. Der CGT-Vorsitzende beklagt sich weinerlich über die Gewalt. Dabei hat er doch das Tränengas nicht abgekriegt – das waren die Leute, die er aufgestachelt hatte, Barrikaden zu bauen und die Ordnungskräfte mit Steinwürfen zu empfangen…

Frankreich hat (von Ausnahmen abgesehen) keine Spartengewerkschaften, sondern eine Handvoll Richtungsgewerkschaften, die jeweils in allen Bereichen der Industrie vertreten sind. Entsprechend können Arbeiter, die im selben Betrieb dieselbe Arbeit machen, verschieden entlohnt werden, weil sie verschiedenen Gewerkschaften angehören. Bei der Bahn gibt es noch dazu (!) Spartengewerkschaften, so daß im Fall eines Arbeitskampfes immer ein halbes Dutzend Gewerkschaften zufrieden gestellt werden muß. So kann man einen Betrieb, ja sogar ein ganzes Land kaputt machen.

22
Mai
16

Wenn du doch geschwiegen hättest…

Österreich wählt. Mit einer unseligen Stichwahl. Als hätte man nicht in Frankreich ein trauriges Beispiel, was dabei herauskommt. Dabei steht ein FPÖ-Kandidat im Rennen. So wie weiland Jean-Marie Le Pen gegen Jacques Chirac.
Und Herr Junckers hielt es für richtig, den Österreichern sagen zu wollen, wen sie nicht wählen sollen.  http://www.faz.net/-gpf-8haqz
Welches Verständnis von Demokratie legt denn der Funktionär da vor, der selbst auf keine gesteigerte demokratische Legitimation für sein Amt bauen kann? Ist Volkes Wille nur dann zu berücksichtigen, wenn er den Lobbybucklern von Brüssel ins Geschäft paßt? Oder gehört es zum politischen Anstand, auch Wahlergebnisse zu akzeptieren, die man so nicht gewünscht haben mag?
Wir erinnern uns: vor 20 Jahren hatten die Österreicher schon einmal einen Präsidenten, den die EU-Partner abstrafen zu müssen meinten. Frankreich voran. Und wenig später wurde Chirac dann sehr leise, weil Le Pen, der Holocaustleugner, im Zweiten Wahlgang war. Finstere Zeiten für die Demokratie. Vor allem für die Akzeptanz für andere.
François Hollande hält sich hoffentlich heuer zurück. Der weiß ja auch, daß er bei der nächstes Jahr anstehenden Wahl bestimmt keine Schnitte kriegt und die Stichwahl zwischen dem konservativen Kandidaten (Juppé? Sarkozy?) und Marine Le Pen stattfinden wird. Man darf gespannt sein, ob der von keinem einzigen Wahlberechtigten gewählte Juncker dann auch nach bester Junkerart 60 Millionen Franzosen die Demokratie beibringen will.

22
Mai
16

Wiesu denn bluus…

Die Fragen sind im Mäuseblog gefunden und kommen ursprünglich von Claudia (Link dort).

1. Warum bist du in dem Land, in dem du gerade bist?

Dat ess en lang Jeschischt.
Mein Vater war Französisch-Lehrer. Sogar ein richtig guter, wenn ich mich daran halte, was seine früheren Schüler sagen. Aber von ihm habe ich die Sprache nicht gelernt. Zwar fuhren wir zweimal im Jahr nach Frankreich in Urlaub, aber mit 12 konnte ich gerade mal oui, non, bonjour, merci, au revoir. Dann kam der Schulunterricht, der Schüleraustausch in Romilly s/Seine. Weinlese in der Champagne – Hicks.
Im Studium der Wunsch nach einem Auslandsjahr; das wurde Straßburg. Und danach reifte so langsam die Idee, vielleicht ins Elsass zu gehen: Land auf der Grenze zwischen den Sprachen, zwischen den Kulturen… Die EKvW riet zu: „wir sind froh über jeden, den wir nicht einstellen müssen.“ Ich mache es kurz: Das hat nicht geklappt. Obwohl das Herz lutherisch schlägt, nahm ich das Angebot (!) der Reformierten Kirche Frankreichs an, ihr Kandidat zu werden. Ein Jahr Dijon. Vier Jahre Lothringen, während derer die ERF mit der Lutherischen Kirche eine Union einging. (Es gibt noch eine andere lutherische Kirche, gewissermaßen hardcore-Altlutheraner… Keine Ökumene, keine Frauen auf der Kanzel. Es gibt auch noch weitere reformierte Kirchen. Da blickt man kaum besser durch als bei den katholischen Frauen-Kongregationen.)
Seit vier Jahren am Meer. Hier gibt es ein paar Fischer, Wind, Feuchtigkeit, im Sommer viele Touristen und im Winter nur alte Leute. Baasst, wie der österreichische Kollege sagt.

2. Kannst du dir vorstellen wieder in dein Heimatland zurückzukehren?

Manchmal stelle ich mir die Frage. Mein Vater ist nicht mehr da, und ich habe zwei Tage Reise bis zu meiner Mutter. Die Schwiegereltern werden auch nicht jünger (da sind es „nur“ 1000km).
Aber: die EKD-Gliedkirchen schießen sich gerade selbst auf den Mond. Da werden immer weniger Pfarrer im Gemeindedienst beschäftigt, dafür aber immer mehr Verwalter. Eine Bürokratenkirche braucht aber kein Mensch… (Von den administrativen Schwierigkeiten, etwa für die Anerkennung der Rente – in 30 Jahren oder so – gar nicht geredet.) Ich hab übrigens mächtig aufpassen müssen, um mit der Schwäbin im Konsulat nicht ins Französische zu wechseln!
Außerdem: ich bin hier angekommen. Na ja, nicht so ganz, denn ich bin immer noch der Ansicht, daß Regeln dazu da sind, eingehalten zu werden, weil sie das Zusammenleben ermöglichen – und daß es möglich sein muß, daß Menschen mit verschiedenen Konzepten friedlich zusammenleben. Beides sehen die Franzosen irgendwie anders…

3. Welches Ziel verfolgst du mit deinem Blog?

Eigentlich gar keins. Ich blogge, weil es mir Spaß macht, und wenn es mir Spaß macht. In letzter Zeit eher wenig.

4. Welche Dinge über dein neues Land verstehen Deutsche irgendwie immer falsch?

Da gibts so ein paar Sachen. Manches drückt sich auch in Nettigkeiten aus, etwa „Froschfresser“. Mir hat in all den Jahren niemand Froschschenkel angeboten, und man findet sie nicht im Supermarkt – tatsächlich ist das eine lokale Spezialität in Burgund.
Mittlerweile essen die Franzosen auch mehr und mehr Fertigfutter, die berühmte Eßkultur bleibt auf Sonntag beschränkt.
Die Franzosen sind auch weder Weltmeister der Höflichkeit noch der Galanterie, noch der erotischen Betätigung.

5. Was sind drei Orte in deinem Land, an die du Touristen mitnehmen würdest?

Gute Frage. Ich bin ja so gar kein Tourist und schätze eher die Begegnung mit Menschen und Kultur abseits der ausgetretenen Pfade.
Die Kathedrale von Reims. Schloss Chenonceaux. Lascaux.

Oder aber: zu dem freundlichen alten Mann, der in der ganzen Welt Häuser und Paläste gestaltet hat. Und zu der alten Frau, die ihr ganzes Leben lang im selben Dorf gelebt hat. Und zu einem Austernfischer.

6. Auf was in deinem neuen Land könntest du gar nicht mehr verzichten?

Die einfache Steuererklärung: in 15 Minuten war es gemacht.
(Spaß.)
Nee, das ist schwierig zu beantworten. Am Schlosspark von Versailles bewundert man ja auch nicht diesen Buchsbaum oder jenen Brunnen, sondern das Ensemble. Es ist die Lebensart, das savoir-vivre.

7. Was kochst du zuhause?

Ich bin fürs Grillen zuständig…
Wenn die Frage meint, ob wir französische oder deutsche Küche praktizieren: wohl eher letzteres, wenn auch mit französischem Einfluss. Wir essen Brot, aber nicht zum Mittagessen, und kein Baguette. Salat ist kein eigener Gang nach dem Hauptgericht, es gibt selten Wein, noch seltener Käse zwischen Hauptgang und Dessert. 

8. Was war für dich der schwierigste Teil der Auswanderung?

Da das alles peu à peu gewachsen ist, vom Auslandsjahr 1995 bis zur ersten eigenen Wohnung in Straßburg 2005, war es eigentlich keine große Hürde. Abgesehen von dem Verwaltungskram. Eine Sozialversicherungsnummer bekommen, bei den vielen Prozeduren durchblicken – das ist so eine Sache, auch heute noch.

9. Was würdest du Leuten, die in dein Land auswandern wollen, sagen?

Ich möchte hier zitieren, was Karen im Mäuseblog zu der Frage geschrieben hat; das gilt m.M.n. für jedes Land – und sogar für die Umsiedlung von einer Region in die andere, auch innerhalb eines Landes:

„Man sollte also – bevor man auswandert – wissen, dass man sich in dem Land wohlfühlt und dass man gewissermassen dahin passt.“

Das war für uns der Sprung ins Unbekannte, als wir von Lothringen ans Meer zogen. Es gibt Mentalitäten, die einem mehr oder weniger liegen. Die Menschen hier, haben wir festgestellt, sind typische Meeresanlieger. So wie in Friesland oder Mecklenburg: da wird erst mal geprüft, was einer taugt, bevor man sich auf ihn einläßt. Aber ein Wort ist ein Wort. Manche Leute, ob aus Bordeaux, Paris oder dem Elsaß, die sich hier für ihren Ruhestand niedergelassen haben, kommen mit der Mentalität nicht klar und verkaufen nach ein paar Jahren wieder.

10. Ohne welches Essen könntest du gar nicht mehr leben?

Frühstück, Mittagessen, Abendessen. (Jetzt fällt die Pfarrfrau vor Lachen aus dem Sofa.) Und der Kaffee nach dem Essen.
Warum so viel vom Essen reden? Wir essen, um zu leben, nicht umgekehrt.

11. Was ist das Beste daran zu wohnen, wo du wohnst?

Ich wohne im schönsten Haus der Stadt. Sagt einer, der sich auskennt.
Ich wohne da, wo andere Urlaub machen – und die schönste Zeit im Jahr ist, wenn sie alle wieder nach Hause gefahren sind.
Ich brauche keinen Schnee zu schaufeln.

Ach was. Man lebt dort gut, wo man sich mit den Menschen versteht, wo man sich wohlfühlt und wo man angenommen ist. Ob das nun Nordhessen ist oder Ostfriesland, Elsaß oder Atlantikküste.

31
Mrz
16

Mißbrauch

Da schlage ich die Kirchenzeitung auf und stutze: „Köln – wenn das Gesetz Leerräume läßt“
Da interviewt eine Mme Humbert eine andere Mme Humbert (Nachtigall), die offenbar „militante“, also aktives Mitglied, von „Terre des Femmes“ ist.
Und diese Dame beklagt sich bitter, daß über die Übergriffe der Silvesternacht so zurückhaltend berichtet worden wäre, und daß ma sich ohnehin wunderte, warum davon geredet würde, das käme bei allen Alkoholexzesse-Festen doch dauernd vor: Karneval, „fête de la bière“ (ob das Oktoberfest gemeint ist?). Aber das Gesetz sei ja so schwach, weil es kein Delikt des sexuellen Übergriffs gebe. Und überhaupt, man müsse das Strafgesetzbuch umkrempeln, damit nicht mehr die Opfer beweisen müßten, daß sie Opfer seien.

Damit kämen wir also zurück auf die Stufe der Hexenprozesse. Menschen würden auf pures Hörensagen hin verurteilt – das geschieht auf dem Gebiet der sexuellen Übergriffe ohnehin oft genug, denn Zeugen gibt es ja dafür meist nicht – und müßten ihre Unschuld beweisen. Eine feine Förderung aus dem Stiefmutterland der Menschenrechte!

Und Mme Humbert ist noch nicht fertig: diese unerträgliche Rechtslage sei kein Wunder in einem Land, in dem seit 2002 Prostitution und Zuhälterei als ehrbare Gewerbe gelten, ihre Werbung an Bussen, auf Plakatwänden und im Radio verbreiteten und die Kosten auch noch von der Steuer absetzen könnten.
„Das Gesetz von 2002“ (wohl das ProstG) müsse dringend reformiert werden.

Ähem. Das ist doch das Gesetz, das Prostituierte gegen Zuhälter und Freier in Schutz nehmen soll und ihnen gleichzeitig Zugang zur Sozialversicherung verschafft? Das hat aber doch die §§180a und 181a StGB nicht abgeschafft?
Und überhaupt: es wurde auf Drängen feministischer Verbände und der UN-Kommission gegen die Benachteiligung der Frau erlassen – zugegebenermaßen gegen den Widerstand einiger Politiker, einiger feministischer Verbände und auch einzelner Strömungen in den Kirchen.

Terre des Femmes mag eine gesellschaftspolitische Kampagne führen. Das ist ihr gutes Recht. Aber dazu die Übergriffe in Köln zu instrumentalisieren ist zumindest schlechter Stil – ich nenne es Mißbrauch dessen, was die Frauen erlitten haben. Die Abschaffung rechtsstaatlicher Grundprinzipien zu fordern stellt sie außerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wenn das nicht zur Disqualifikation reicht, dann das: im fremdsprachigen Ausland mit Lügengebilden Stimmungsmache zu betreiben.
Dazu läßt dieser ganzseitige Artikel so einen herben Geschmack von „an unserem Wesen soll die Welt genesen“. Das können die Franzosen nämlich auch ganz gut, und sind da auch von keiner Selbstkritik getrübt (das Wort ist im Französischen quasi inexistent). Und wer als Franzose sich über Radio-, Plakat- und Buswerbung für Prostitution und Bordelle aufregt (äh… ich hab davon weder gesehen noch gehört; vielleicht höre ich aber auch die falschen Sender), sollte vielleicht auch mal den Mund aufmachen gegen die riesigen Plakate, die einem an fast jeder Ein- und Ausfallstraße Erotikmessen anpreisen, Partnertausch- und Untreuevermittler, und was nachts an Werbung über die 25 frei empfänglichen Fernsehsender läuft – „666 Ruf mich an“ ist echt harmlos dagegen… Und die Ausgaben dafür werden garantiert als Betriebsausgaben geltend gemacht… Wer da schweigt und aufs Ausland zeigt, ist bigott. Das Wort gibt es auch im Französischen, Jacques Brel hat so ein Lied betitelt.

Ach ja: was sagt der Feminismus eigentlich zu Vereinen, denen Frauen der Beitritt verboten ist? (Fällt das nicht in den Geltungsbereich des Diskriminierungsverbots?)
Terre des Femmes nimmt satzungsgemäß keine Männer auf. Sexismus im Stil des 19. Jahrhunderts… nur durch umgekehrte Vorzeichen wird der auch nicht besser.

13
Feb
16

Nah, noch näher…

Nein, es geht nicht um Terror. Reicht schon, daß die französische Regierung sich den Ausnahmezustand hat verlängern lassen (jusqu’aux calendes grecques, wie die Gebildeten sagen, wird das dauern, denn Manuel Valls hat verlauten lassen, der Ausnahmezustand würde beibehalten, bis Da’Esch besiegt ist. Bis dahin wird eine ganze Generation nichts anderes als den Ausnahmezustand kennengelernt haben – die USA machen es ja vor.), aber darum geht es nicht.
Vergangenen Montag meldeten die Zeitungen, mit welch krimineller Energie die SNCF versucht hatte, Dokumente verschwinden zu lassen zu der verheerenden Entgleisung 2013. Mir lag ein vernichtendes Wortspiel auf der Zunge: les Salauds Nous Cachent des Faits (die Drecksäcke verbergen die Fakten vor uns), da wurde sie Dienstag früh ziemlich ungenießbar.
Mein Mitgefühl gilt allen Verletzten, Angehörigen, Helfern und Ermittlern. Denen, die aufräumen. Und falls – was mir ziemlich wahrscheinlich erscheint – der Unfall auf den Bockmist eines Menschen zurückzuführen ist: auch dem gilt mein Mitgefühl.
Am selben Tag erfuhren wir: im Grenzgebiet zur Schweiz, im Uhrenland, war ein Schulbus auf vereister Straße umgestürzt, mit katastrophalen Folgen. Der junge Fahrer, erst seit November dort beschäftigt, stammt aus Marseille. Woher sollte der wissen, wie man auf Eis fährt?
Am Donnerstag musste ich nach La Rochelle. Dichter Regen bis Rochefort, dann lichtete es sich etwas. Dicht war auch der Verkehr. Auf der Gegenfahrbahn immer wieder Zivilfahrzeuge mit Blaulicht. Krawattenträger am Steuer.
In La Rochelle wurden wir empfangen: „wie seid ihr durchgekommen? In Rochefort hat es einen Unfall gegeben mit einem Schulbus und einem Kieslaster, mehrere Tote.“
Im Lauf des Tages erfuhren wir dann mehr: der Bus kam von Oléron und sollte Schüler zur Berufsfachschule nach Surgères bringen. Im Hafengebiet war ihm der Laster entgegengekommen, und weil die Bordwand der Ladefläche nicht geschlossen war, sondern waagrecht Abstand, kollidierte sie mit dem Bus und riß ihn unter der Fensterlinie von vorn bis hinten auf. Sechs Jugendliche starben.
Während das Land rätselte, wie so etwas geschehen kann, meldete sich ein Zeuge: er war dem LKW kurz vorher begegnet und hatte der Bordwand noch gerade eben ausweichen können.
Oléron gehört zu unserem Gemeindeverband. Rochefort ist quasi direkt nebenan. Wenn hier deutsche Verhältnisse herrschten, wären wir ebenso wie die Kollegen aus Rosenheim und Umgebung an den Unglücksort gerufen worden, um Angehörige, aber auch Retter aufzufangen. Einen Ruhepol zu bieten, ein offenes Ohr, das nicht zum „Apparat“ gehört. Ob die „cellules psychologiques“, die hier statt dessen angeboten werden, das auch können? Ich hoffe es…




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